Nach dem großen SUV-Wahn seit den 1990er Jahren haben sich die Vereinigten Staaten von den Kombis verabschiedet – möchte man meinen. Doch einige kommen zurück – weniger als praktische Familientransporter, denn als leistungsstarke Lifestylemobile. Anders sein ist die neue Maxime – wie eine Tour mit dem BMW M5 Touring durch den Südosten der USA zeigt.
Die Amerikaner haben ein Problem mit Übergewicht – und das seit Jahrzehnten. Nach aktuellen Studien sind fast drei Viertel der US-Bürger mehr oder weniger übergewichtig. Die Gründe dafür haben sich über die Jahre kaum verändert – einseitige Ernährung, jede Menge Fast Food und die oftmals hohen Preise von Gemüse und Obst tragen dazu bei, dass Kinder wie Erwachsene in großen Teilen des Landes ein paar Kilogramm zu viel auf den Rippen haben. Stört das die Einwohner? Eher nicht. Sie sind selbstbewusst, wirtschaftlich wie sportlich oftmals erfolgreich und genießen ihre Zeit mit Familie und Freunden nicht allein am Wochenende. Alles Eigenschaften, die auch der BMW M5 Touring in sich trägt. Er sieht mit seinen ausgestellten Kotflügelbacken nicht nur ebenso gefährlich wie sportlich aus – auch er hat Übergewicht – und zwar üppig.

Doch stört das irgendjemanden? Eher nicht, denn die Entwickler der Garchinger M GmbH, die viele Jahre um jede 100 Gramm im Fahrzeug kämpften, Fahrdynamik über fast alles stellten und nur entwickeln wollten, was an sich auf die Rennstrecke gehörte, haben sich ganz im Sinne bestens betuchter Kunden eines Besseren belehren lassen. 2,5 Tonnen Leergewicht sind eine Ansage, die auch der imposante Plug-in-Hybrid-Vortrieb des aufgeladenen und hybridisierten 4,4-Liter-V8 mit wahnsitzigen 535 kW / 727 PS bei agiler Kurvenfahrt kaum hinwegzaubern kann. Doch gerade in den USA, dem Land von Pick-Ups und SUV, ist der BMW M5 als Kombiversion ein Bestseller.
Dass die Tour an der BMW-Produktionsstätte in Spartanburg beginnt, ist reiner Zufall, denn gefertigt wird der PS-Protz hier im US-Bundesstaat South Carolina nicht. Dieser findet seinen Weg per Transporter und Schiff aus Niederbayern. Und als ob die Kraft der beiden Motoren nebst Allradmodul und Batteriepaket nicht schon schwer genug wirken würde, bekommt er noch ein paar Strafsteuern aufgebrummt, weil Fertigung und Komponenten eben nicht in den USA erfolgen. Durch zahlreiche Sonderausstattungen, die Auslieferungskosten und die in dieser Klasse unvermeidliche Gas-Guzzler-Tax (2.600 US-Dollar) erhöht sich der Basispreise von 121.500 US-Dollar auf 140.775 US-Dollar. Ein Schnäppchen gegenüber dem Heimatmarkt, denn in Deutschland geht es bei vergleichbarer Ausstattung erst bei 147.200 Euro los.
Die Amerikaner haben sich von den in den 1960er und 1970er Jahren noch überaus beliebten Familienkombis mit zum Teil acht Sitzplätzen und drei Sitzreihen im SUV-Aufschwung verabschiedet. Jetzt ist einer wie der BMW M5 PHEV gerade als Touringversion eine Schau. Leistung satt, bulliges Body-Builder-Outfit, sportliche Gene mit V8-Klang und dann noch ein Karosserierucksack für allerhand Gepäck – kein Wunder, dass beim Tanken und Parken gleichermaßen Handykameras klicken und sich nicht allein Kinder die Nase am dunkelroten M5 Touring ihre Nase plattdrücken.

Die Fahrleistungen sind spektakulär, schamlos die Beschleunigung und das Komfortniveau ist bei aller Dynamik schlichtweg eine Sensation – hier vermisst niemand einen SUV. Keinen BMW X5 M, keinen XM oder gar kein Konkurrenzprodukt – vielleicht gar aus nordamerikanischer Fertigung. Dass der BMW M5 Touring auf beiden Seiten des Atlantiks so erfolgreich ist, liegt an vielen Details, einem wummernden Klang aus vier runden Trompeten und überraschend wenig daran, dass es sich um einen Hybriden handelt, der an der Steckdose geladen und nahezu lautlos 140 km/h schnell sein kann.
Das knapp 19 kWh große Batteriepaket ermöglicht bei rein elektrischer Fahrt eine Reichweite von rund 60 Kilometern. Für viele Amerikaner ebenso egal wie in Europa, denn den meisten geht es um die Leistung und die ist mit mehr als 700 PS und schwer zu begreifenden 1.000 Nm maximalen Drehmoment einfach gigantisch. Doch als auf dem Jasper Highway in der Nähe von Savannah ein Tankstopp ansteht, weiß der Escalade-Pilot nebenan überraschend gut über das Antriebskonzept Bescheid: „A hybrid – isn’t it? What a car!“ Recht hat er, denn die ersten 250 Meilen am griffigen Ledersteuer sind vergangen wie im Flug mit perfekten Sportstühlen, lässigem Countrysound und einem sportlich-straffen Fahrwerk nebst 20-/21-Zöllern, das selbst auf der bisweilen zerborstenen Interstate 95 nicht nervt.
Das Übergewicht des M5 Touring? Welches Übergewicht? Jede Lücke zum Überholen findet der pausbäckige 727-PS-Protz mit einem Streich über das Gaspedal und als es über Jacksonville an Orlando weiter vorbei Richtung Süden geht, wird die Frage wieso SUV sich hier besser als alles andere verkaufen und Kombis kaum eine Rolle spielen, im Kopf immer lauter. Fahrer in vorbeifahrenden Full-Size-Trucks wie Ford F-250 oder Chevrolet Silverado Super Duty schauen aus ihren donnernden Hochsitzen herab auf den M5 – ist es Unverständnis, Bewunderung oder schlicht die Frage, ob ein Auto ohne offene Ladefläche irgendeinen Sinn macht?

Das kann bejaht werden, denn der Touring-M5 bietet auch Dank des 145 kW / 197 PS / 280 Nm starken Elektromotors – versteckt im Getriebetunnel – nicht nur Fahrleistungen auf dem Niveau einer Power-Corvette, sondern einen Alltagsnutzen, der auch jene Amerikaner begeistert, die einmal mit dem BMW M5 auf der German Autobahn die 300-km/h-Marke durchstoßen wollen. Denn abseits der spektakulären Fahrleistungen mimt der Koloss aus Dingolfing eben auch den perfekten Familienversteher. Hinter der elektrischen Heckklappe – mittlerweile leider ohne separat zu öffnende Heckscheibe – gibt es 500 Liter Laderaum, die sich durch Umlegen der Rückbank weitgehend flexibel auf über 1.600 Liter erweitern lassen. Golfbags, Tennistaschen, kleine Schlauchboote, vier Koffer und wenn es dann doch einmal noch größer sein soll, haben die meisten Amerikaner in dieser Einkommensklasse wohl doch noch einen Pick-Up in der Einfahrt.
Nach dem abendlichen Zwischenstopp in Fort Lauderdale und einem ob des M5 Touring überaus aufgeregten Valet-Parkers geht es am nächsten Tag weiter auf die Florida Keys. Nach anfänglichem Regen strahlt die Sonne durch das Panoramadach ins Innere für eine Tour, die unverändert zu den schönsten in ganz Nordamerika zählt. Bis nach Key West sind es je nach Verkehr auf der immer überfüllten I-95 im Großraum Miami und dann weiter über Turnpike, Dixie- und Overseas Highway Number 1 rund vier Stunden. Perfekt für ein Cabriolet, doch auch im 5,10 Meter langen Sportkombi eine Schau.
Eines der wenigen Details, die am BMW M5 nicht überzeugen können, ist die Fahrerassistenz in ihrer amerikanischen Variante. Auch mit dem 1.700 Dollar teuren Driving Assistant Professional System muss alle paar Sekunden ans Steuer gegriffen werden, sonst blinkt und piept es nervend. Das ist kaum eine leichte Entspannung und schon gar keine, die diesen Aufpreis wert ist. Die Augen bleiben also auf der Straße und die Hände am Steuer. Dabei gibt es mit Zwischenstopp auf Islamorada und dann weiter über Conch Key, Big Pine bis ins prall gefüllte Key West jede Menge Meer, Boote und Farben zu genießen. Dass der M5 Touring auf der Touristenmeile Duval Street schließlich kaum weniger Aufmerksamkeit bekommt als Sloppy Joe’s, Sponge Market oder das floral-bunte Sandy’s Cafe mag dann doch überraschen.
Leider sieht es an den dortigen Hot Spots ähnlich düster wie auf der Fahrt durch South Carolina und Georgia aus: Ladesäulen sind hier rar gesät und wenn dann finden sich diese zumeist in Parkhäusern und vor Einkaufzentren, wo das Batteriepaket im Unterboden etwas an zusätzlicher Energie aufnehmen kann. Dass das Muskelpaket maximal mit 11 kW laden kann, stört indes kaum – viele Ladesäulen liefern noch deutlich darunter. Doch wer will mit dem BMW M5 PHEV Touring schon elektrisch und damit geräuschlos fahren – gerade hier in den USA, wo ein V8-Verbrenner nach wie vor über alles geht?
(Fotos: press-inform / Text: Stefan Grundhoff)






















