BMW 5er 2017: Doppel-Interview mit den G30-Verantwortlichen

BMW 5er | 5.12.2016 von 8

Im ausführlichen Interview zum BMW 5er G30 sprachen wir mit Projektleiter Johann Kistler und dem Leiter Produktmanagement Dr. Wolfgang Hacker.

Als wir vor wenigen Tagen für unseren ersten Fahrbericht mit dem BMW 5er G30 in Portugal waren, haben wir die Gelegenheit auch für ein ausführliches Interview mit den Verantwortlichen der siebten 5er-Generation genutzt. Projektleiter Johann Kistler und der Leiter Produktmanagement Dr. Wolfgang Hacker standen uns Rede und Antwort, gemeinsam haben wir über die Qualitäten der Business-Limousine gesprochen und sind dabei natürlich auch darauf eingegangen, welche Aspekte die Menschen hinter dem Fahrzeug besonders zu schätzen wissen.

Im Interview geht es außerdem um die besonders wichtigen Motoren, die Rolle des Allradantriebs xDrive und mögliche Ergänzungen der Motorenpalette. Schon jetzt ist klar, dass es an beiden Enden der Leistungsskala noch Erweiterungen geben wird, auch das Thema Plug-in-Hybrid ist mit dem 530e voraussichtlich nicht ausgereizt.

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BimmerToday.de: Sie können auf einen sehr erfolgreichen Vorgänger zurückblicken, der praktisch über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg die weltweit erfolgreichste Baureihe dieser Klasse war. Welches Feedback haben Sie von den Kunden bekommen, in welchen Bereichen wurden sich die größten Verbesserungen gewünscht?
Johann Kistler: Der Vorgänger ist wirklich hervorragend gelaufen, wir haben 2,2 Millionen Fahrzeuge verkauft und hatten über die gesamte Laufzeit eine ebenso hohe Nachfrage wie Kundenzufriedenheit. Wir haben das Auto trotzdem in allen Bereichen optimiert und uns dabei für einen sehr breiten Ansatz entschieden, der wirklich alle Bereiche von der Fahrdynamik bis zur Innenraum-Akustik umfasst.

BimmerToday.de: Obwohl Sie beim 5er auf den Einsatz von Carbon verzichtet haben, konnte das Gewicht um bis zu 100 Kilogramm reduziert werden. Wieso kommt kein Carbon zum Einsatz und wie haben Sie es trotzdem geschafft, so viel Gewicht einzusparen?
Johann Kistler: Bei der Frage nach dem Warum spielen die Stückzahlen eine wesentliche Rolle. Wir verkaufen vom 5er pro Jahr so viele Fahrzeuge wie vom 7er über den gesamten Lebenszyklus. Hinzu kommt, dass der 5er in drei Werken gebaut wird. Vor diesem Hintergrund haben wir uns für einen intelligenten Materialmix entschieden. So setzen wir zum Beispiel an der Außenhaut fast nur Aluminium ein und fertigen auch die Strukturbauteile der Karosserie aus Aluminium. Gerade an der Seite des Fahrzeugs kommen zu Gunsten der Crash-Sicherheit hochfeste und warmumgeformte Stähle zum Einsatz. Unterm Strich haben wir so unser Ziel erreicht und bis zu 100 Kilogramm aus dem Auto herausgeholt.

BimmerToday.de: Deutlich weiterentwickelt wurde auch die Aerodynamik, im besten Fall kommt der G30 auf einen cW-Wert von 0,22. Dabei geht es sicherlich nicht nur um Effizienz, sondern auch um eine Reduzierung der Geräusche im Innenraum. Wie genau haben sie diese hörbaren Fortschritte erreicht?
Johann Kistler: Wir haben uns sehr genau angesehen, wie die Außenhaut umströmt wird und dabei auch Elemente wie die Außenspiegel gezielt optimiert. Wir verbauen unter anderem eine Akustikfrontscheibe, die den Geräuschkomfort bei höheren Geschwindigkeiten deutlich verbessert. Auch in den Türen haben wir viel Feintuning betrieben und beispielsweise die Schachtleisten optimiert und alle Durchbrüche isoliert. Aber das Thema geht noch weiter und reicht bis zu einer gedämpften Tankklappe, weil für das endgültige Geräuschniveau wirklich jedes Detail entscheidend sein kann.

BimmerToday.de: Im öffentlichen Diskurs spielt derzeit auch das autonome und teilautonome Fahren eine große Rolle. Was genau kann der neue BMW 5er ohne Zutun des Fahrers?
Johann Kistler: Die Entwicklungsgeschwindigkeit in diesem Bereich ist wirklich so groß, dass wir eineinhalb Jahre nach dem 7er schon wieder den nächsten Schritt machen können. Wir sind mit dem Spurführungsassistent nun so weit gegangen, dass der Fahrer in Abhängigkeit von den Verkehrsbedingungen in vielen Situationen beim Lenken unterstützt wird. Abhängig von Fahrzustand und Geschwindigkeit können wir deutlich länger als beim BMW 7er die Hände vom Lenkrad nehmen, gerade in Stau-Situationen unter 60 km/h ist das natürlich sehr entspannend. Bei höheren Geschwindigkeiten nimmt die Zeit der Lenkunterstützung sukzessive ab.

BimmerToday.de: Unabhängig von der Sinnfrage gibt es sicherlich noch weitere Gründe, die gegen ein autonomes Fahren ohne zeitliche Begrenzung sprechen?
Johann Kistler: Wir wollen hier ein Fahrerassistenzsystem anbieten, den Fahrer also beim Fahren unterstützen und ihn nicht ersetzen. Die Technik ist im Auto drin, aber die Infrastruktur ist aus unserer Sicht noch nicht weit genug für das wirklich autonome Fahren. Auch die Gesetzgebung muss für künftiges autonomes Fahren noch eindeutiger werden. Wir gehen daher davon aus, dass es autonomes Fahren ohne die Verantwortung beim Fahrer nicht vor 2020 oder 2021 geben wird.

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BimmerToday.de: Wenn die Technik schon im Auto steckt, ist auch eine Freischaltung weiterer Funktionen per Software-Update denkbar?
Johann Kistler: Software- und Karten-Updates over the Air machen wir bereits, aber wir planen das derzeit nicht für Fahrerassistenzsysteme oder im Bereich autonomes Fahren.

BimmerToday.de: Neben neuer Software hat das Infotainment-System des neuen BMW 5ers auch einige Hardware-Updates erhalten, darunter die Gestensteuerung und die Integration eines Touchscreens. Welche Hintergründe haben dazu geführt, dass sich BMW iDrive nun nicht mehr nur über den klassischen Controller bedienen lässt?
Johann Kistler: Wir ermöglichen es dem Kunden, das für sich und die Situation beste Eingabekonzept zu wählen. Wer beim Fahren keinen Touchscreen bedienen will, kann die nun auch Freitext verstehende Spracheingabe oder den ergonomisch optimal platzierten iDrive-Controller nutzen. Aber mit der zunehmenden Vernetzung des Autos werden natürlich auch im Stand mehr Dinge mit dem Infotainmentsystem des Fahrzeugs gemacht, weshalb wir die Möglichkeit eines Touchscreens zusätzlich anbieten wollten. Wir glauben so, für jeden Kunden und jede Situation die optimale Bedienmöglichkeit im Programm zu haben.

BimmerToday.de: Neben dem Touchscreen gibt es im neuen 5er auch ein Head-Up Display mit vergrößerter Anzeigefläche und ein digitales Kombiinstrument. Letzteres wird bei manchen Wettbewerbern auch zur Darstellung von Karten genutzt, warum hat sich BMW dagegen entschieden?
Johann Kistler: Weil es aus unserer Sicht wenig Sinn macht. Wenn wir im Kombi-Instrument eine komplexe Karte darstellen würden, würde das eine erhebliche Blickablenkung verursachen. Bis das Auge im Anschluss wieder auf die Straße fokussiert ist, ist die Ablenkung vom Verkehrsgeschehen unserer Einschätzung nach zu groß. Wir haben auch viele Untersuchungen zu dem Thema gemacht und sind davon überzeugt, uns bei den Anzeigen in Head-Up-Display und Kombi-Instrument auf die beim Fahren relevanten Informationen zu beschränken und den Fahrer nicht mit zu vielen Details abzulenken. Eine komplexe, bewegte Kartendarstellung setzt ständig visuelle Impulse und sorgt so für eine völlig vermeidbare Ablenkung des Fahrers.

BimmerToday.de: Schon zum Marktstart gibt es eine sehr breite Motorenpalette, trotzdem dürfte der eine oder andere Kunde noch auf bestimmte Varianten warten. Gerade am unteren Ende der Leistungsskala ist noch Platz für günstigere Einstiegsmodelle, oder?
Johann Kistler: Was wir zum Anlauf der neuen 5er-Reihe bringen, ist schon eine Hausnummer. Wir bieten von Anfang an Benziner und Diesel mit vier und sechs Zylindern, alle Varianten mit Standard- und Allradantrieb, das ist ein wirklich sehr breites Angebot. Es ist aus unserer Sicht auch einfach nicht mehr zeitgemäß, Allradantrieb erst ein halbes Jahr später einzuführen. Wir haben schon für März 2017 den Plug-in-Hybrid 530e und den M550i xDrive mit Achtzylinder angekündigt und Sie können natürlich davon ausgehen, dass wir im Lauf der Zeit auch andere vom Vorgänger bekannte Motorvarianten nachlegen werden.
Dr. Wolfgang Hacker: Für den deutschen Markt sind wir aber ohnehin schon sehr gut aufgestellt, weil der 520d hier sicherlich die Hauptrolle spielen wird.

BimmerToday.de: Genau dieser 520d wird zunächst auch das einzige Modell mit manuellem Getriebe sein. Welche Rolle spielt der Handschalter noch für die 5er-Reihe?
Dr. Wolfgang Hacker: Wir richten uns da nach der Kunden-Nachfrage und sehen ganz klar, dass der Handschalter eine immer kleinere Rolle spielt. In gewisser Weise ist das Automatikgetriebe ein Fahrerassistenzsystem, auf das in dieser Klasse kaum noch ein Kunde verzichten möchte.
Johann Kistler: Mittlerweile ist das Automatik-Getriebe auch so gut geworden, das es einfach in jeder Hinsicht Vorteile bietet. Früher konnte man mit manuellem Getriebe beispielsweise sparsamer fahren als mit einer Automatik, das ist heute gar nicht mehr möglich. Aber es gibt noch eine kleine Fan-Gemeinde und so lange der Markt es zumindest in einem gewissen Volumen wünscht, werden wir das manuelle Getriebe auch anbieten.

BimmerToday.de: Den M550i haben wir schon angesprochen, sein Schwestermodell noch nicht. Wird es auch einen neuen BMW M550d mit dem Quadturbo-Diesel des 750d geben?
Johann Kistler: Da kann man sicherlich davon ausgehen, dass es diese Variante im nächsten Jahr geben wird.

BimmerToday.de: Auch das Fahrwerk wurde wieder deutlich weiterentwickelt und erlaubt noch mehr Dynamik, die Hinterachslenkung kann erstmals auch mit Allradantrieb xDrive kombiniert werden. Gab es beim Vorgänger den Kundenwunsch nach mehr Fahrdynamik oder handelt es sich hier eher um ein Wettbewerbsthema, bei dem man auf die Fortschritte der Konkurrenz reagiert und darum bemüht ist, weiterhin klar Klassenbester zu sein?
Johann Kistler: Zweiteres spielt da schon eine wesentliche Rolle. Wir bauen den 5er seit 44 Jahren und haben ihn von Anfang an als besonders fahraktives Auto positioniert. Da war es für uns wichtig, den 5er als Kern der Marke im Bereich “Freude am Fahren” weiterzuentwickeln und ihn dabei auch klarer vom 7er zu differenzieren.

BimmerToday.de: Der Allradantrieb spielt weltweit betrachtet eine immer größere Rolle, wird xDrive auch im Fall des G30 noch wichtiger als beim Vorgänger?
Johann Kistler: Vom Grundsatz her ist wichtig festzuhalten, dass der xDrive-Anteil regional sehr unterschiedlich ist. In Europa ist der Anteil sehr hoch, vor allem im alpinen Raum und Skandinavien, aber zum Beispiel auch in Italien. In China spielt xDrive hingegen eine kleinere Rolle und in Amerika gibt es natürlich eklatante Unterschiede zwischen dem warmen Süden und dem Snowbelt im Norden. Insgesamt kommt xDrive auf einen Anteil von voraussichtlich fast 50 Prozent, mit einer seit Jahren leicht steigenden Tendenz.

BimmerToday.de: Einmal abgesehen vom chinesischen 530Le der Vorgänger-Generation wird der BMW 530e der erste 5er mit Plug-in-Hybrid-Antrieb. Wie wichtig ist dieses Konzept mittlerweile?
Dr. Wolfgang Hacker: Auch das ist regional sehr verschieden. Mit der auf 50 Kilometer gesteigerten Elektro-Reichweite glauben wir, ein für viele Kunden sehr attraktives Angebot im Programm zu haben. Da auch der Kofferraum kaum kleiner als bei den anderen Modellen ist, spricht nichts gegen den Plug-in-Hybrid.

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BimmerToday.de: Da der Plug-in-Hybrid in einigen Regionen immer wichtiger wird, stellt sich automatisch die Frage nach einem breiteren Angebot. Bleibt der 530e der einzige PHEV-5er oder ist beispielsweise auch ein 540e denkbar?
Dr. Wolfgang Hacker: Wir starten jetzt mit dem 530e und über alles andere reden wir zu gegebener Zeit.

BimmerToday.de: Beim Vorgänger-5er gab es mit Limousine, Touring, Langversion und Gran Turismo gleich vier Karosserievarianten. Bei der aktuellen Generation wird letzterer dem Vernehmen nach zum BMW 6er GT und verlässt damit formal die 5er-Reihe. Werden Sie den Absatz dennoch erneut steigern können?
Johann Kistler: Einen 6er GT kann ich nicht bestätigen, aber wir gehen in jedem Fall davon aus, dass wir den großen Erfolg des 5ers weiterführen werden.

BimmerToday.de: Gibt es auch beim 5er Märkte und Regionen, die besonders hervorstechen und in denen Sie mit einem überdurchschnittlich hohen Absatz rechnen?
Dr. Wolfgang Hacker: Wir haben beim 5er die angenehme Situation, dass sich der regionale Mix fast perfekt drittelt. Wir sind in Amerika sehr stark, in Asien sehr stark und in Europa sehr stark. Regionale Schwankungen können wir beim 5er somit immer sehr gut ausgleichen. Weltweit betrachtet ist das Limousinen-Segment daher sehr stabil. Wir erwarten ein weiteres Wachstum in China und Europa, in den USA geht der Trend derzeit wieder etwas stärker in Richtung SUV. Der 5er ist so gesehen wirklich ein Weltmodell, das für alle Märkte und Händler ein extrem wichtiges Modell ist. Dass es aber auch immer wieder Märkte gibt, die stark überdurchschnittlich wachsen, sehen wir beispielsweise in Südkorea, das mittlerweile zu den fünf wichtigsten 5er-Märkten der Welt gehört.

BimmerToday.de: Zum Abschluss würden wir gerne noch wissen, was ihr persönliches Highlight am neuen 5er ist und in welchem Punkt sich die neue Generation aus Ihrer Sicht besonders hervorhebt?
Johann Kistler: Für mich ist das ganz klar der Fahreindruck. Reinsetzen und Fahren beantwortet diese Frage perfekt. Ich kann mich einfach jeden Tag darauf freuen, abends wieder mit dem 5er fahren zu können, weil er sich genau so fährt, wie sich ein BMW aus meiner Sicht fahren muss.
Dr. Wolfgang Hacker: Für mich sind es die vielen kleinen Dinge, die den 5er im Alltag zu einem noch angenehmeren Auto machen. Das sind beispielsweise die größeren Ablagen oder die intelligenten Komfortfunktionen, die das automatische Einschalten von Sitzheizung und Lenkradheizung bei einer bestimmten Außentemperatur erlauben. Auch die neue Start-Stopp-Automatik gehört dazu. Dieses System schaltet den Motor an Stoppschildern oder Kreisverkehren nicht mehr aus, sondern erkennt entsprechende Situationen und greift nur dann ein, wenn es auch Sinn macht. Diese Liebe zum Detail macht den 5er einfach zu einem rundum besseren Auto.

BimmerToday.de: Vielen Dank für das informative Gespräch!

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