Unter Experten gilt der Silver Ghost als einer der großen Meilensteine der frühen Automobilgeschichte, in jedem Fall begründete er den Ruf von Rolls-Royce als Hersteller besonders luxuriöser und zuverlässiger Fahrzeuge. Nun wird der 1906 präsentierte 40/50 H.P., der mit seinem außergewöhnlich kultivierten Sechszylinder und seiner Zuverlässigkeit Maßstäbe setzte, 120 Jahre alt. Die damals etablierten Ansprüche an Qualität und Komfort prägen das Selbstverständnis der Marke bis heute.

Seinen heute berühmten Namen verdankt der 40/50 H.P. einem ganz bestimmten Fahrzeug: Der erste Silver Ghost trug die Fahrgestellnummer 60551, war silbern lackiert und trug zudem noch versilberte Anbauteile. Claude Johnson, der damalige kaufmännische Geschäftsführer von Rolls-Royce, hatte den Wagen gezielt als Aushängeschild für die Qualitäten der Marke inszeniert. Seine Bekanntheit war so groß, dass sich die zunächst inoffizielle Bezeichnung des Rolls-Royce Silver Ghost schließlich auf sämtliche Fahrzeuge der Baureihe 40/50 H.P. übertrug. Insgesamt entstanden bis 1925 exakt 6.173 Exemplare in Großbritannien, weitere 1.703 Fahrzeuge wurden im US-amerikanischen Werk Springfield gefertigt. "

Ein wesentlicher Teil der Legende entstand bei anspruchsvollen Zuverlässigkeitsprüfungen und Wettbewerben. Besonders eindrucksvoll waren die Auftritte des Silver Ghost mit der Fahrgestellnummer 1701, den Johnson ‘The Sluggard’ nannte. Beim London-Edinburgh Trial 1911 absolvierte das Fahrzeug die gesamte Strecke mit im höchsten Gang blockiertem Getriebe, überzeugte aber dennoch mit seiner Geschwindigkeit und mit einem für damalige Verhältnisse bemerkenswert niedrigen Verbrauch. Noch im selben Jahr erreichte der Wagen mit spezieller Stromlinienkarosserie auf der Rennstrecke Brooklands offiziell dokumentierte 101,8 Meilen pro Stunde – umgerechnet rund 164 km/h. Damit war er der erste Rolls-Royce, der die damals imposante Marke von 100 Meilen pro Stunde übertraf.

Der Rolls-Royce Silver Ghost überzeugte aber nicht nur bei Rennen und Rekordjagden, sondern auch im Alltag seiner vermögenden Besitzer. Zu seinen prominenten Besitzern zählten unter anderem Winston Churchillder, der Komponist Sir Hubert Parry und der amerikanische Luftfahrtpionier Howard Hughes. Auch Opernstar Nellie Melba nutzte ihren Silver Ghost für ausgedehnte Reisen durch Großbritannien, Frankreich und Australien. Ein anderer Besitzer nannte sein Fahrzeug ‘The Dreamer’, weil seine Frau während der Fahrt regelmäßig einschlief – ein im Kontext der Zeit beinahe unglaublicher Beleg für den seinerzeit absolut außergewöhnlichen Geräusch- und Fahrwerks-Komfort des Fahrzeugs.

Auch ein bis heute bekanntes Markenzeichen ist eng mit dem Silver Ghost verbunden: 1911 erhielt ein Fahrzeug von Lord Montagu of Beaulieu als erstes die von Charles Sykes gestaltete Kühlerfigur ‘Spirit of Ecstasy‘. Während des Ersten Weltkriegs wurden einige Silver-Ghost-Fahrgestelle außerdem als Basis für gepanzerte Fahrzeuge genutzt, die unter anderem von T. E. Lawrence – besser bekannt als Lawrence von Arabien – geschätzt wurden.

Zum 120. Jubiläum steht das historische Chassis 1701 im Home of Rolls-Royce in Goodwood: