Der letzte der vier Schnitzer-Brüder ist am 5. Juni 2026, am Tag seines 85. Geburtstags, verstorben. Es folgt ein Nachruf von Uwe Mahla, der als BMW-Pressesprecher viele gemeinsame Erlebnisse mit ihm hatte:
Der „Patron“ Herbert Schnitzer an seinem 85. Geburtstag gestorben
Am heutigen Freitag, dem 5. Juni, ist Herbert Schnitzer, den seine Mitstreiter gern bezeichnender Weise den „Patron“ nannten, an seinem 85. Geburtstag in Freilassing ruhig und in Frieden im Kreise seiner Familie gestorben.
Herbert war in all den hunderten Rennschlachten, die das oberbayerische Erfolgsteam geschlagen hat, immer der ruhende Pol, der wegen seines stundenlangen Verharrens mit der Rundentabelle auf dem Boxenstuhl auch schon mal als der Mann mit der goldenen Blase bezeichnet wurde.
Ich habe das erste intensive Gespräch mit ihm gehabt (das war am 28. September 1975), als sein Fahrer, Albrecht Krebs, wegen eines Motorschadens an dem wunderschönen BMW 3.0 CSL im letzten Rennen zur Rennsport-Meisterschaft den Titel um Haaresbreite verpasste. Schnitzer meinte lakonisch: „Vielleicht hätten wir den Kolbenbolzen ein paar Gramm mehr gönnen sollen…“
Seitdem haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren. Als Journalist, später als BMW-Pressesprecher und anschließend als Schnitzer-Fan war ich ihm und seiner Truppe immer sehr nahe und habe die Freundlichkeit, die Ehrlichkeit und die Direktheit dieses Mannes genossen. Dass er mir schließlich das Vertrauen entgegengebracht hat, tief in seinem großen Karton mit der Historie seines Unternehmens zu wühlen, spricht für sich. Und für ihn – wie die Zeilen, die er uns in unser Schnitzer-Buch geschrieben hat: „…vielen Dank für Eure Hartnäckigkeit, es hat sich gelohnt und ich bin überwältigt!!“
Nach mehr als 50 Jahren beispiellos erfolgreichen Jahren stellte das Schnitzer-BMW-Team Ende 2020 den Rennbetrieb ein. Die Renngemeinde nahm diesen traurigen Schritt damals mit großem Bedauern zur Kenntnis. Das sympathische Team hatte in diesen Jahren so ziemlich alles gewonnen, das es im Touren- und Sportwagen-Sport weltweit zu gewinnen gab. Aus der Motorsport-Historie ist der Begriff Schnitzer schlechterdings nicht hinweg zu denken.
Herbert Schnitzer hatte immer den Überblick! Gerhard Berger hat Herbert mal “die Seele” der Schnitzer-Truppe genannt. Herbert Schnitzer war zu seiner Zeit immer der Patron dieser Familie. „Ein knochenharter Geschäftsmann, der sich aber nicht zu gut war, um 24 Stunden lang die Rundentabelle zu führen” (Dieter Quester).
Herbert lernte wie sein zwei Jahre älterer Bruder Josef im elterlichen, später vom Stiefvater geleiteten Betrieb das Kfz-Handwerk. Die Brüder übernehmen 1966 die BMW Vertretung, ein Jahr später folgt die Gründung der Rennabteilung und damit des Teams Schnitzer. Josef hat inzwischen seinen Ingenieur gemacht und wird mit dem selbst frisierten BMW 1800 TISA und im BMW 2000ti Deutscher Rundstreckenmeister. Während Josef in der Folge ebenso eigensinnige wie erfolgreiche technische Meisterleistungen vollbringt, sorgt Herbert dafür, dass “der Laden” – Autohaus und Rennteam – “läuft wie geschmiert“.
Das oberbayerische Teamwork mündet in den frühen Jahren in der mutigen Entscheidung zur Entwicklung und zum vielfachen Verkauf eines eigenen BMW-Formel-2-Motors (Europameister Jacques Lafitte siegte 1975 mit Schnitzer-Power) und dem Einzug der Turbotechnik in die kleine Division der Deutschen Rennsport-Meisterschaft 1977.
Ein Jahr darauf ereilt das aufstrebende Team ein kaum zu verkraftender Schicksalsschlag: Herberts genialer Bruder Josef wird 1978 unverschuldet Opfer eines Verkehrsunfalls und stirbt. Welch ein Beweis des schnitzerschen Erfolgswillens, dass jeder im Team mit eisernem Engagement alles daran setzt , im selben Jahr mit Harald Ertl Deutscher Rennsportmeister zu werden – und wird.
Es folgt ein sportlicher Erfolg nach dem anderen, wenn BMW die Schnitzers rund um die Welt schickt. Man kann stets melden: Auftrag ausgeführt, Tourenwagen-Europa- und Weltmeisterschaft, Deutsche, Italienische, Britische, Japanische, Asien Pazifik-Tourenwagen-Meisterschaft, American Le Mans-Series – alles gewonnen!
Dann entwickeln die Schnitzers, Herbert und seine Halbbrüder Dieter und Karl (“Charly”) Lamm, der seit vielen Jahren virtuos die Renneinsätze inszeniert, eine neue Domäne: Es gibt praktisch weltweit kein namhaftes 24 Stundenrennen, das nicht mindestens einmal mit einem von Schnitzer eingesetzten Auto gewonnen wurde. Prominentester Triumph dabei: 1999 siegten Dalmas//Martini/Winkelhock im BMW V12 LMR bei dem 24 Stunden in Le Mans – gegen die stärkste Konkurrenz, die je dort angetreten ist.
Kein Wunder, dass sich in den zurückliegenden Jahrzehnten die Creme de la Creme der Vollgasbranche die Türklinke zu Herbert Schnitzers Büro in die Hand gab. Die Liste reicht, um nur ein paar wenige zu nennen, von A wie Aaltonen über Bellof, Berger, Cecotto, Farfus, Fitzpatrick, Ickx, Ludwig, (Dirk und Jörg) Müller, Piquet, Priaulx, Quester, Röhrl, Rosberg, Spengler, Stommelen, Stuck bis W wie (Manfred und Jockel) Winkelhock.
Seine beiden Halbbrüder können Herberts 85. Geburtstagsfest nicht mehr mitfeiern: Die Zwillinge, Dieter verstarb 2014, Charly fünf Jahre später, wären am 19. Mai 70 geworden. So bleibt dem Jubilar nur die Erinnerung an gemeinsame Großtaten, zum Beispiel ans Jahr 2012 – als Schnitzer mit BMW nach jahrlanger Abstinenz mit Glanz und Gloria in die DTM zurückkehrte und auf Anhieb den Gewinn der Fahrer-, Marken- und Teamwertung feiern konnte!
Welch ein Jammer, dass dieses über Jahrzehnte so erfolgreiche Team, wohl in letzter Konsequenz aus wirtschaftlichen Gründen, nicht mehr am Start ist. Hat doch gerade Herbert sein Leben lang wie ein Löwe gekämpft – bis zuletzt ums finanzielle Überleben.
Heute, mit 85, erinnert er sich gern der sportlichen Großtaten: Wie sie z. B. vor 50 Jahren mit Jacques Laffite die Formel-2-Europameisterschaft gewonnen haben, mit ihrem eigenen Formel-2-Motor, noch vor den BMW-Werksmotoren.
50 Jahre, so erinnert sich Herbert, ist es auch her, dass Willi Siller die Berg-Europameisterschaft gewann – mit eben jenem Formel-2-Motor im silbernen Schnitzer-BMW 2002.
Nach einer vor Kurzem durchgeführten Hüftoperation funktioniert Herberts Beweglichkeit wieder einigermaßen. Die Zeit vertrieb er sich bis zuletzt gern beim Fernsehen („Motorsport inklusiv“) und bei Treffen mit „alten“ Freunden. Zu seinem geliebten Stammtisch ließ er sich gern von seinem früheren Wegbegleiter und treuen Freund Peter Reinisch chauffieren.
Jetzt sitzen die vier „Schnitzers“ vielleicht gemeinsam auf der Boxenmauer und beobachten, wie andere mit Glück und Missgeschick im Rennsport umgehen – wie sie es ihr Leben lang getan haben.
(Foto: BMW Motorsport / Text: Uwe Mahla)