Projektleiter Robert Pilsl im Interview zu BMW M3 & M4 G8x

BMW M3, BMW M4 | 7.04.2021 von 23

Die neue Generation von BMW M3 und BMW M4 liefert ohne jeden Zweifel eine Menge Gesprächsstoff. Wir hatten kürzlich die spannende Gelegenheit, uns ausführlich mit …

Die neue Generation von BMW M3 und BMW M4 liefert ohne jeden Zweifel eine Menge Gesprächsstoff. Wir hatten kürzlich die spannende Gelegenheit, uns ausführlich mit Projektleiter Robert Pilsl über die M3 G80 Limousine und das M4 G82 Coupé zu unterhalten und haben das Interview genutzt, um auf einige der meistdiskutierten Fragen rund um die sechste Generation einzugehen. Neben dem kontroversen Design geht es dabei natürlich auch um die Technik-Komponenten beider Fahrzeuge, um die Frage nach dem höheren Gewicht und um das kommende Angebot des Allradantriebs M xDrive.

Mit Blick auf die nahe Zukunft haben wir außerdem einen gemeinsamen Blick auf künftige Karosserie-Varianten der Power-Sportler aus Garching geworfen – angefangen vom BMW M4 Cabrio G83 über den BMW M3 Touring G81 bis hin zum immer wieder auftauchenden BMW M4 Gran Coupé, das allerdings auch in der aktuellen Generation eine nur in der Gerüchteküche fahrende Variante bleiben wird. Wie herrlich unvernünftig sich die sechste Generation fährt, haben wir bereits in unserem BMW M3 Fahrbericht beschrieben.

BimmerToday.de: Meistens konzentrieren wir uns in den Interviews auf andere Themen, aber in diesem Fall müssen wir auch ein paar Sätze zum Design verlieren. Die Reaktionen auf BMW M3 und M4 waren sehr gemischt, man könnte auch von durchwachsen sprechen. Hat Sie das überrascht oder wurde das schon ein wenig erwartet?
Robert Pilsl: Also überrascht hat es uns nicht, weil wir durchaus wussten, dass unser Design polarisieren wird. Aber die Fahrzeuge dürfen ja auch ruhig ein bisschen auffallen, das war uns also von Anfang an klar. Es sind eben keine Autos, die man nur für die Fahrt von A nach B kauft. Ich selbst bin im März 2018 in das Projekt eingestiegen, hab damals zum ersten Mal ein Clay-Modell gesehen, und natürlich habe ich beim Anblick der Front auch erstmal etwas größere Augen bekommen. Aber schon als ich das Auto zum dritten oder vierten Mal gesehen habe, hat es mir immer besser gefallen. Meiner Meinung nach ist das Front-Design auf einem Foto nicht wirklich erlebbar, man muss es live sehen und die Dreidimensionalität erleben. Und ja, es gehört ein gewisser Gewöhnungseffekt dazu, aber in meinen Augen waren das immer die besten Designs, die nicht auf den ersten Blick allen gefallen haben und dann recht schnell etwas langweilig geworden sind. Das wird uns hier sicher nicht passieren, auch wenn es in fünf Jahren sicher noch immer Menschen geben wird, denen es nicht gefällt. Ich bin aber felsenfest sicher, dass die Wirkung im Straßenverkehr richtig einschlagen wird.

BimmerToday.de: Eine große optische Unterscheidung zwischen M3 und M4 hatten wir auch in der letzten Generation nicht, aber haben Sie mit Blick auf das provokante Design überlegt den M3 etwas ruhiger und unauffälliger zu machen als den M4?
Robert Pilsl: Nein, das war nie Thema. Unsere Strategie ist da ganz klar: M3 und M4 unterscheiden sich nur hinsichtlich der Anzahl der Türen, alles andere ist so weit wie möglich identisch. Der M3 soll also die gleiche Fahrdynamik haben, die gleiche Wirkung entfalten, nur eben mit zwei Türen mehr und mit Limousinen- statt Coupé-Form.

BimmerToday.de: Bei den letzten Generationen gab es fast immer einen Wechsel des Motorkonzepts, erst vom Vierzylinder zum Sechszylinder und dann zum Hochdrehzahl-V8, zuletzt kam dann der Biturbo-Sechszylinder. Mal abgesehen von der Leistung ist hier auf den ersten Blick wenig passiert, wobei M3 und M4 sich eigentlich erst jetzt auf dem Niveau eingefunden haben, wo die Wettbewerber schon waren. Ist diese Steigerung der Leistung eine Reaktion auf Kunden-Feedback, weil sich der eine oder andere doch ein paar PS mehr gewünscht hat?
Robert Pilsl: Nein, das wäre mir nicht bekannt. Klar war der Vorgänger nicht ganz so stark wie manch anderer, aber er hatte immer den Vorteil bei der Fahrdynamik und konnte die geringere Leistung damit mehr als ausgleichen. Ein V8 kam für uns schon aus Gewichtsgründen nicht in Frage, ein Vierzylinder ist auch keine Option für M3 und M4, von daher war die Entscheidung für den Biturbo-Sechszylinder sehr einfach. Wir haben damit ja auch beim Vorgänger sehr gute Erfahrungen gemacht und alle Skeptiker überzeugt. Nun wurde der Motor nochmal in einigen Punkten verbessert und wir sind sicher, dass das den Kunden gefallen wird.

BimmerToday.de: Der große Trend in der Autoindustrie ist derzeit bei fast allen Modellen die Elektrifizierung des Antriebs. Bei BMW spielen 48-Volt-Bordnetze, Plug-in-Hybride und Elektroautos in vielen Segmenten eine wichtige Rolle, der Wettbewerber aus Affalterbach schaut bekanntlich auch im Segment von M3 und M4 in Richtung Vierzylinder mit Hybrid-Technik. Warum haben Sie sich gegen einen elektrifizierten Antrieb entschieden?
Robert Pilsl: Wir haben das Thema 48-Volt-Bordnetz zu Beginn des Projekts intensiv betrachtet und diskutiert, die Vor- und Nachteile gegenübergestellt. Wir sind dann zu der klaren Entscheidung gekommen, dass die Vorteile das höhere Gewicht im Fall unserer Fahrzeuge nicht kompensieren können.

BimmerToday.de: Ähnlich wie der Verzicht auf einen elektrifizierten Antrieb ist auch der weiterhin erhältliche Handschalter ein Angebot, das Puristen sehr erfreuen dürfte. Wir haben allerdings in den letzten Jahren unzählige Male gehört, dass die Nachfrage nach Fahrzeugen mit manuellem Getriebe immer weiter gesunken ist. Welche Anteile erhoffen Sie sich denn für den Handschalter und auf welchen Märkten sehen Sie das größte Potenzial für dieses Paket?
Robert Pilsl: Weltweit erwarten wir einen Anteil von rund 10 Prozent für den Handschalter, auf einzelnen Märkten wie zum Beispiel in den USA werden es ein paar Prozent mehr sein. Gerade in Nordamerika ist der Handschalter weiterhin sehr gefragt. Wir sehen ihn auch als Grundprinzip des M3, denn das manuelle Getriebe ist eine der wenigen technischen Gemeinsamkeiten, die wir wirklich bei allen sechs Generationen angeboten haben. Das haben wir also nicht nur für die Kunden gemacht, sondern auch ein Stück weit für uns selbst.

BimmerToday.de: Ganz neu in der Welt von BMW M3 und M4 ist hingegen der Allradantrieb, auf den Sie bisher konsequent verzichtet haben. Sicher gab es entsprechende Anfragen schon vor Jahren, der eine oder andere Wettbewerber hat das Thema schließlich schon lange im Programm. Wie kam es, dass Sie sich nun anders entschieden haben als bei den letzten Generationen?
Robert Pilsl: Wie beim Handschalter lassen wir dem Kunden auch hier die Wahl, er kann ja den klassischen Heckantrieb wählen. Das stand für uns auch keine Sekunde in Frage. Aber wir haben natürlich auch gesehen, dass viele Kunden ein Ganzjahresfahrzeug mit Allradantrieb wünschen. Wir haben für M5 und M8 ein sehr gutes Allradsystem entwickelt und gesehen, dass die Kunden das voll akzeptieren, sicher auch weil auf Knopfdruck weiterhin der 2WD-Modus aktivierbar ist.

BimmerToday.de: Können Sie schon sagen, welche Verteilung der Marktanteile Sie zwischen den heckgetriebenen und den Allrad-Varianten erwarten?
Robert Pilsl: Wir gehen davon aus, dass wir 60 bis 65 Prozent aller M3 und M4 der sechsten Generation mit M xDrive verkaufen. Da spielt natürlich auch das M4 Cabrio mit rein, das wir nur mit Allradantrieb verkaufen werden. Wir erwarten also, dass die Mehrheit der Kunden nicht auf die zusätzliche Traktion verzichten wird.

BimmerToday.de: Beim neuen M3 und M4 Competition liegt die Werksangabe bei 3,9 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100, der Allradler wird hier sicher noch ein paar Zehntel schneller sein. Können Sie da schon konkreter werden?
Robert Pilsl: Könnte ich schon, aber da ist noch ein klein wenig Geduld gefragt.

BimmerToday.de: Gibt es technische Unterschiede zwischen dem bekannten M xDrive in M5 und M8 gegenüber dem Allradantrieb in M3 und M4?
Robert Pilsl: Nein, das ist das gleiche System.

BimmerToday.de: Eines der Hauptargumente gegen Allradantrieb war in den vergangenen Generationen das zusätzliche Gewicht. Generell war der Vorgänger sehr viel leichter als der Wettbewerb, wieso konnte dieses niedrige Niveau des Vorgängers nicht gehalten werden?
Robert Pilsl: Das hat eine ganze Menge von Hintergründen. Es geht los mit den Fahrzeugabmessungen, die Basis-Fahrzeuge 3er und 4er sind einfach länger und breiter geworden. Auch die Regulatorik hat sich verändert, sowohl die Anforderungen bei der Crash-Sicherheit als auch beim Emissionsverhalten sorgen für zusätzliches Gewicht. Wir haben außerdem mehr Serienausstattung in den Autos, darunter relativ schwere Systeme wie die variable Dämpfer Kontrolle. Wir haben auch größere Bremsen und größere Räder als bisher. Und ganz wesentlich sind natürlich auch die Versteifungen, die nötig waren, um eines unserer Hauptziele zu erreichen: Wir wollten den Vorgänger, der Fahrdynamik-Benchmark im Segment war, wieder toppen. Das war nicht einfach und dafür mussten wir viel tun, diese Verstrebungen wiegen natürlich auch etwas. Das Gewicht ist im Endeffekt ein Papierwert, aber die wichtigere Frage für uns war das Fahrerlebnis, und das haben wir trotz höherem Gewicht deutlich weiterentwickeln können.

BimmerToday.de: Welche Maßnahmen sind denn Ihrer Meinung nach hauptverantwortlich dafür, dass die neuen M3 und M4 in den klassischen Sportwagen-Disziplinen so viel besser sind als ihre Vorgänger?
Robert Pilsl: Eine ganz große Rolle spielt dabei die Vorderachse mit den breiteren Vorderreifen. Hier haben wir das größte Verbesserungspotenzial beim Vorgänger gesehen und das haben wir durch die breiteren Räder vorne und den Zollsprung zwischen Vorder- und Hinterachse auf ein ganz anderes Niveau gebracht. Diese Agilität und Präzision konnten wir bisher einfach nicht bieten. Und natürlich kommt dann hinzu, dass der Hinterwagen einer derart starken Vorderachse auch präzise folgen können muss. Die beiden Achsen müssen für ein optimales Ergebnis gemeinsam arbeiten. Wir haben extra dafür fast schon ein Fachwerk in den Unterboden eingezogen und unter anderem auch einen Zug-Druck-Anker in die Rohkarosserie eingeschweißt, um im Endeffekt eine maximal steife Verbindung zwischen Fahrwerk und Karosserie herzustellen.

BimmerToday.de: Was wir beim Vorgänger nur bei den absoluten Topmodellen gesehen haben, sind unterschiedlich große Felgen an Vorder- und Hinterachse. Welche Vorteile bringt das genau?
Robert Pilsl: Grob zusammengefasst kann man sagen, dass etwas mehr Luftvolumen an der Vorderachse die Stabilität und Präzision verbessert. Hinzu kommt, dass die Reifen an der Vorderachse gerade auf der Rennstrecke heißer werden, weil hier einfach mehr Bremskraft übertragen wird, und auch für die Temperatur bringt mehr Luftvolumen im Reifen Vorteile.

BimmerToday.de: Bei den Karosserievarianten gibt es eine Neuerung, auf die viele Fans ganz lange warten mussten: Der M3 Touring ist offiziell bestätigt. Allerdings kommt der Kombi sehr viel später als die M3 Limousine, das M4 Coupé und das M4 Cabrio. Wieso lassen Sie die Fans jetzt nach der Ankündigung noch so lange warten?
Robert Pilsl: Für uns ist der BMW M3 Touring ein komplett neues Fahrzeug, einen Touring haben wir ja schon etwas länger nicht gemacht. Wir setzen ja nicht einfach eine andere Karosserie auf ein bestehendes Chassis, denn am Ende soll das Paket genauso überzeugend sein wie die anderen Varianten. Da sind schon einige Anpassungen nötig, damit der Touring sich so fährt wie eine Limousine, ein Coupé oder ein Cabrio.

BimmerToday.de: Sicher sind auch die Märkte ganz andere als bei den übrigen drei Varianten?
Robert Pilsl: Ja. Die M3 Limousine, das M4 Coupé und das M4 Cabrio haben weltweit viele große Märkte, wobei der Schwerpunkt in Nordamerika liegt. Der M3 Touring hat seinen Haupt-Fokus auf den europäischen Märkten Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien.

BimmerToday.de: Durch das Angebot des Touring fehlt eigentlich nur noch ein BMW M4 Gran Coupé, damit alle Varianten von 3er und 4er auch als M-Modell erhältlich sind. Wieso verzichten Sie weiterhin auf das viertürige Coupé?
Robert Pilsl: Wir bleiben erstmal bei den bekannten Kernmodellen, setzen dann mit dem Touring noch einen drauf und glauben insgesamt, dass wir damit einen sehr guten Mix anbieten. Den Bedarf für ein M4 Gran Coupé sehen wir momentan nicht.

BimmerToday.de: Die Welt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Nicht nur die Corona-Pandemie, auch Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielen für immer mehr potenzielle Kunden eine zunehmend wichtige Rolle. Hat das Segment von M3 und M4 seine besten Jahre hinter sich oder ist es trotz dieser Hintergründe realistisch, die Absatz-Zahlen der Vorgänger zu übertreffen?
Robert Pilsl: Wir sind davon überzeugt, dass wir den sehr erfolgreichen Vorgänger noch einmal übertreffen werden. Wir glauben, dass es weiterhin eine sehr große Zielgruppe für diese Fahrzeuge gibt. Vielleicht kommt dabei sogar positiv hinzu, dass sich der eine oder andere jetzt noch einmal so ein Fahrzeug gönnen möchte, weil keiner so genau weiß was die Zukunft bringen wird.

BimmerToday.de: Alles klar. Herr Pilsl, vielen Dank für das informative Gespräch!

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