Kaum eine BMW-Neuheit der letzten Jahre wurde von Fahrspaß-Fans mit so großer Spannung erwartet wie der neue BMW i3 (NA0): Noch stärker als beim iX3 steht die Frage im Fokus, ob den Entwicklern der seit über fünf Jahrzehnten für ihre Fahrdynamik gefeierten 3er-Reihe die Transformation ins Elektro-Zeitalter gelingen konnte. Für einen ersten Fahrbericht durften wir ans Steuer des BMW i3 50 xDrive, der einen besonders anspruchsvollen Spagat meistern muss: Mit 469 PS spielt er leistungsmäßig in einer Liga mit früheren M-Modellen, während er gleichzeitig Luft für noch schärfer positionierte Modelle wie den BMW i3 M60 lassen muss.
Typische Details der Neuen Klasse, darunter die erst bei Annäherung ausfahrenden Türgriffe und natürlich das grundlegend umgestaltete Cockpit ohne iDrive-Controller, kennen wir bereits vom iX3. Dennoch ergibt sich schon durch die deutlich niedrigere Sitzposition sofort ein anderes Gefühl als im SUV, auch wenn die Sitze selbst in der tiefsten Einstellung nicht ganz so weit herunterreichen wie im Verbrenner-Zeitalter. Kein Wunder: Der mit 108,7 kWh Netto-Kapazität großzügig dimensionierte Akku braucht seinen Platz im Unterboden, entschädigt aber auch mit einer XXL-Reichweite von bis zu 912 Kilometern gemäß WLTP.

Unser Testwagen mit M Sportpaket und Lackierung in Eucalyptus Green kommt nicht ganz auf diesen Maximalwert, darf dafür aber die schicken 20-Zoll-Felgen Kreuzspeiche 1065 M tragen – und bietet mit 858 Kilometer noch immer einen mehr als nur ausreichenden Aktionsradius. Noch wichtiger als die Optik und die aus Sicht der meisten Kunden kaum noch relevante Reichweiten-Frage ist aber, wie sich der BMW i3 auf den kurvigen Straßen der Provence schlägt.
Die Messlatte liegt dabei nach fünf Jahrzehnten 3er-Historie extrem hoch, denn eine für die meisten anderen Mittelklasse-Limousinen genügende Fahrdynamik wäre für einen 3er kaum ausreichend: Schon seit dem E21 steht der 3er für Freude am Fahren, die neben allen rationalen Stärken und Qualitäten für den Alltag auch das eine oder andere unwillkürliche Grinsen im Gesicht des Fahrers verursacht.
Vor die Suche nach dem Grenzbereich hat das Leben alltäglichere Aufgaben gestellt, die der BMW i3 gewissermaßen als Pflichtaufgabe meistert: Hierbei glänzt der Elektro-3er nicht nur mit dem neuen Navigationssystem auf iDrive X-Basis, das dank der Kombination von Infotainment-Display, Panoramic Vision Display und HUD besser als je zuvor den Weg weist und jedem Fahrer genau jenen Informationsmix anbietet, den er sich persönlich wünscht, sondern auch mit einem für 3er-Verhältnisse großzügigen Platzangebot in der ersten und zweiten Reihe.
Je öfter man das Cockpit der Neuen Klasse nutzt, um so seltener vermisst man den iDrive-Controller: Nachdem die rechte Hand anfangs noch öfter ins Leere griff, weil der liebgewonnene Drehdrücksteller auf der Mittelkonsole fehlt, geht sie nun schon beinahe automatisch in Richtung Touchscreen. Für eine Vielzahl von Funktionen eignet sich aber auch die Spracheingabe noch besser als früher, weil sie die Wünsche besser versteht und beinahe selbstverständlich umsetzt.

Typisch 3er ist das relativ straffe Grundsetup, das den Fahrer im Sinne eines direkten Feedbacks auch recht unverblümt über Bodenwellen und holprigen Asphalt informiert. Ähnlich wie frühere 3er ist der i3 hierbei sicher nicht zu hart, aber er fällt auch nicht mit überbordendem Komfort auf. Unser Testwagen ist allerdings auch mit Stahl- statt dem Adaptiven M Fahrwerk unterwegs, bei dem sich auf Knopfdruck eine komfortablere Abstimmung aktivieren ließe.
Passend zum Fahrwerk ist die direkte Lenkung, die im Sport-Modus einen guten Eindruck von der Vorderachse vermittelt, ohne übertrieben mitteilsam zu sein: Der i3 liefert dem Fahrer ein Maß an Feedback, das sich angenehm in den Alltag einfügt und keinesfalls zu Lasten des Komforts und der einfachen Fahrbarkeit gehen soll. Um die Mittellage herum verzichtet die Lenkung folgerichtig auf zu viel Direktheit, die so mancher Kunde nicht nur bei hohem Tempo auf der Autobahn eher als Nervosität empfinden könnte.
Bei bis zu 130 km/h bleibt es den Vorlieben des Fahrers überlassen, ob er überhaupt selbst eine Hand ans Lenkrad legen will: Dank des Autobahnassistenten mit Symbiotic Drive übernimmt der BMW i3 die Fahraufgabe auf Knopfdruck praktisch im Alleingang, so lange die Aufmerksamkeit des Fahrers auf der Straße bleibt. Der Assistent arbeitet dabei ohne Zeitlimit und zeigt sich im Test noch kommunikativer als bisher: Wenn seine Dienste gerade nicht verfügbar sind, werden Gründe wie eine erkannte Baustelle jetzt auch transparent in einem der Displays angezeigt.
Wirklich spannend wird es schließlich auf der Landstraße, die seit Jahrzehnten die Paradedisziplin der 3er-Reihe ist. Und auch bei dieser Kür enttäuscht der BMW i3 rational betrachtet nicht: Dank des tiefen Schwerpunkts und der ausgeglichenen Gewichtsverteilung liegt der Elektro-3er hervorragend auf der Straße und zeigt sich bis in den hoch angesiedelten Grenzbereich gnadenlos neutral. Untersteuern zeigt sich praktisch nur bei deutlich zu hoher Geschwindigkeit am Kurveneingang, denn das Heart of Joy zeigt mit seiner ebenso präzise wie unmerklich geregelten Kraftverteilung vollen Einsatz für maximale Neutralität.
Was der BMW i3 vermissen lässt, ist allerdings jener Hauch von Übermut und Unvernunft, der mit dem markentypischen Hinterradantrieb oder einer hecklastigeren Kraftverteilung des Allradantriebs darstellbar wäre: Selbst im Sport-Modus und bei aktiviertem DTC bleibt dem BMW i3 50 ein ausbrechendes Heck fremd, stattdessen vermittelt er das Gefühl enormer Traktion und Stabilität.
Was nüchtern betrachtet eine absolut gelungene Abstimmung ist, lässt manch ausgewiesenen Fahrdynamik-Fan vielleicht etwas bedröppelt zurück: Dürfte ein 3er mit 469 PS nicht doch etwas unvernünftiger und mit lebendigerem Heck unterwegs sein? Wer Fahrspaß und die Freude am Fahren auch über die Möglichkeit zum gelegentlichen Tanz mit dem Heck definiert, könnte im neuen BMW i3 50 jedenfalls etwas Vermissen: Während frühere 3er gerade auch mit ihrer heckbetonten Fahrweise begeisterten, ist der i3 voll und ganz der Neutralität verpflichtet. So fühlt sich das Heart of Joy eher wie ein Heart of Traction an, das nur selten vor Freude tanzen will.

Typisch für ein Elektroauto ist die extrem spontane Kraftentfaltung, die auch bei plötzlicher Vollgas-Anforderung praktisch verzögerungsfrei für Vortrieb sorgt. Die Werksangabe von 4,7 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 erscheint dabei eher konservativ gewählt, zumindest unser Testwagen war gleich mehrere Zehntel schneller. Eine Frage der persönlichen Präferenz bleibt der Sound: Im Sport-Modus wird die imposante Beschleunigung gut hörbar untermalt, was sich aber über das iDrive-Menü auch jederzeit deaktivieren lässt.
Bei unserer ersten Fahrt mit dem BMW i3 standen Verbrauch und Effizienz ehrlich gesagt nicht im Fokus, hier hat die eDrive Gen6 der Neuen Klasse ihre Exzellenz bereits im iX3 mehrfach unter Beweis gestellt. Gerade weil wir nicht im Interesse eines möglichst geringen Verbrauchs unterwegs waren und die 469 PS auch für unser Tacho-Video mehrfach zum Galopp forderten, kann sich der Testverbrauch von knapp unter 20 kWh auf 100 Kilometer aber definitiv sehen lassen.
Genau wie in Deutschland ist es auch auf französischen Landstraßen nur relativ selten möglich, den Antrieb im Rahmen der Straßenverkehrsordnung wirklich zu fordern. So zeigt der i3 auch dann seine effiziente Seite, wenn man gar nicht nach ihr verlangt. Dass sich auf einer unlimitierten Autobahn oder einer Rennstrecke auch deutlich höhere Verbräuche realisieren lassen, steht freilich außer Frage. Auch dann dürfte die Reichweite aber nur selten zu einem echten Problem werden, schließlich kann der Akku an einem HPC-Charger mit bis zu 400 kW sehr schnell wieder aufgeladen werden.
Ob dem Reichweiten-König das Party-Gen tatsächlich fehlt, bleibt natürlich eine Frage der persönlichen Vorlieben: Wer bei seinem 3er noch nie den DSC OFF-Modus aktiviert hat, wird natürlich auch im BMW i3 50 xDrive kein Übersteuern am Kurvenausgang vermissen. Wer den i3 allerdings als 469 PS starken Power-3er auf dem Leistungsniveau früherer M3 betrachtet, dürfte sich im einen oder anderen Moment doch etwas mehr Temperament wünschen.
Insgesamt liefert der BMW i3 eine überzeugende Vorstellung ab, die viel mehr als nur eine hohe Reichweite zu bieten hat. Als kleine Kritikpunkte bleiben die Materialien im unteren Bereich der Türen, die sich wie schon bei früheren Modellen nicht unbedingt hochwertig anfühlen, aber natürlich auch nur selten berührt werden. Auf emotionaler Ebene hätten wir den Entwicklern etwas mehr Mut zur Unvernunft gewünscht, um dem Fahrer mit mehr Hecklastigkeit noch mehr 3er-DNA zu vermitteln – aber auch diese Medaille hat zwei Seiten, schließlich darf so der BMW i3 M60 zeigen, dass er sich sein M im Namen nicht nur mit einem noch stärkeren Antrieb verdient.





























































