Fahrbericht BMW i8: Erste Eindrücke vom Begründer einer neuen Klasse

BMW i, BMW i8, Fahrberichte | 30.04.2014 von 75
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Es kommt eher selten vor, dass man sich auf eine Fahrt mit einem Auto freut, das “nur” von einem Dreizylinder angetrieben wird. Spektakuläre und schnelle …

Es kommt eher selten vor, dass man sich auf eine Fahrt mit einem Auto freut, das “nur” von einem Dreizylinder angetrieben wird. Spektakuläre und schnelle Autos haben andere Antriebe, oder?

Glaubt man den Blicken der Menschen in Los Angeles, spielt die Anzahl der Zylinder für die Begeisterung ganz sicher keine Rolle – unzählige Male wird mit wilden Gesten auf den i8 hingewiesen, werden Smartphones gezückt, der i8 aus allen Winkeln fotografiert. Jeder Ampelstopp wird zum Foto-Shooting. Und auch an Bord des BMW i8 gibt es keine Zweifel: Der Einstieg durch die Flügeltüren, die extrem tiefe Sitzposition, die um 12 Grad zum Fahrer geneigten Armaturen. Ja, wir sitzen in einem Sportwagen. Und die Anzal der Zylinder ist nach wenigen Metern ohnehin vergessen.

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In München ist man sich selbstredend darüber im Klaren, Kritikern mit dem Dreizylinder im Heck des BMW i8 eine beachtliche Angriffsfläche zu bieten. Allerdings: Der Motor mit nur 1,5 Litern Hubraum ist ohne Zweifel geeignet, Vorurteile über Bord zu werfen. Er klingt nicht wie ein Sechszylinder-Boxer, nicht wie ein V8 oder gar ein V12 – aber schon die völlige Ruhe nach dem Drücken des Startknopfs macht klar, dass hier ohnehin in ganz anderen Kategorien gedacht wird.

Wo früher nicht genug Hubraum vorhanden sein konnte und die Anzahl der Zylinder eine Maßeinheit für die Begehrlichkeit eines Sportwagens war, zählen heute auch andere Werte. Im Fall des BMW i8 heißt das: 49 Gramm CO2 pro Kilometer. Und: Dank der Lithium-Ionen-Batterie zwischen den Insassen kann der Plug-in Hybrid auf Knopfdruck über 35 Kilometer rein elektrisch und folglich lokal völlig emissionsfrei fahren, weshalb er im Gegensatz zu konventionell angetriebenen Sportwagen auch künftig straffrei in die Innenstädte von Megacities einfahren darf.

Bewegt man den BMW i8 rein elektrisch, fährt man praktisch einen Fronttriebler. Der maximal 131 PS und jederzeit 250 Newtonmeter Drehmoment bietende Elektromotor ist in der Fahrzeugfront untergebracht und genügt für den zügigen Stadtverkehr sowie das Mitschwimmen im Verkehr bei bis zu 120 km/h. Wirklich sportlich wird der i8 erst, wenn der Dreizylinder im Heck zum Leben erwacht – entweder durch Aktivieren des Sport-Modus oder ausgelöst vom starken Druck aufs Gaspedal.

Unter Last bollert der 231 PS starke Dreizylinder kernig und selbstbewusst, weder im Innenraum noch für Passanten kommen dabei Zweifel an der Potenz des Triebwerks auf. Das liegt auch am Sound-Design, denn sowohl im Innenraum als auch nach außen werden diverse Frequenzen des Motors künstlich verstärkt – je nach Fahrmodus tritt der Verbrenner mehr oder weniger stark in Erscheinung.

Untrennbar mit dem Gesamtkunstwerk BMW i8 sind allerdings die zwei weitgehend lautlos arbeitenden Elektromotoren verbunden, die bei einem spontanen Tritt aufs Gaspedal ganz entscheidend zur Vehemenz des i8 beitragen. Während der große Turbolader des Verbrenners noch Luft sammelt, schiebt das Drehmoment des großen Elektromotors vorn und des kleinen E-Motors hinten praktisch verzögerungsfrei an – nur um einen Augenblick später vom Punch des Dreizylinders in den Schatten gestellt zu werden.

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4,4 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 machen deutlich, wie kraftvoll der i8 beschleunigen kann, wenn es der Fahrer darauf anlegt. Den Zwischensprint von 80 auf 120 erledigt der i8 in 2,6 Sekunden und zeigt dabei nicht nur einem Porsche 911 Carrera S ganz locker die Rücklichter. Wenn man vorher per Schaltwippe den optimalen Gang wählt, wackelt die 2 vor dem Komma. Real World-Performance nennen die Entwickler das und sagen selbstbewusst, dass die erlebbare Elastizität des BMW i8 wenig mit dem zu tun hat, was angesichts von 362 PS Systemleistung zu erwarten ist.

Und überhaupt: Diese Rücklichter! Egal wo man unterwegs ist, sobald das Auto parkt interessieren sich die Menschen für den spektakulären Flügeltürer, die auf den ersten Blick erkennbaren Aerodynamik-Maßnahmen ziehen Blicke und nicht selten auch Hände magisch an. Ganz klar: Der BMW i8 fasziniert, er wird als Vorbote einer neuen Zeit wahrgenommen. Das gilt selbst in Kalifornien, wo es gewiss keinen Mangel an konventionellen Supersportlern gibt – doch an die alte Rezeptur hat man sich gewöhnt, nach Jahrzehnten der Evolution ist die Zeit für eine echte Revolution gekommen.

Immer wieder gibt es erhobene Daumen von Passanten und anderen Autofahrern, egal ob am Steuer von Prius oder Corvette. Den Designern ist gelungen, was oftmals ein frommer Wunsch bleibt: Der BMW i8 ist erkennbar anders, fällt aber nicht aus der Norm und überfordert die Augen seiner Betrachter mit zu viel Neuem. Nicht nur mit geöffneten Flügeltüren ein Sportwagen, ganz klar. Aber kein gewöhnlicher. Sondern einer, der aus der Zukunft ins Jahr 2014 gekommen zu sein scheint, als Hybrid-Showcar und Schaufenster für die schönen Seiten einer neue Zeitrechnung.

Zu dieser Zeit gehört es, sauber und effizient zu sein. Nicht unbedingt, weil man sich den teuren Sprit nicht leisten kann, aber weil das eigene Bewusstsein danach verlangt, die Belange unserer Umwelt nicht egoistisch auf dem Fahrspaß-Altar zu opfern. Lautlos und emissionsfrei durch die Innenstadt oder das Wohngebiet zu rollen ist eine Fähigkeit, die dem BMW i8 als Eintrittskarte ins Grüne Gewissen dient. Dass damit kein Verzicht einhergeht, zeigt sich in den Bergen über Los Angeles.

Auf den kurvigen Straßen mit engen Kehren und diversen Steigungen beeindruckt der in den Sportmodus beförderte i8 mit seiner Neutralität und dem agilen Einlenkverhalten. 51 Prozent des Gewichts lasten auf der Hinterachse, der Schwerpunkt liegt unterhalb von 46 Zentimetern und damit deutlich niedriger als bei jedem anderen BMW.

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Wer angesichts der relativ schmalen Reifen (215 vorn, 245 hinten) einen Mangel an Fahrspaß erwartet, wird schon nach wenigen Kurven geläutert sein: Klar, ein ähnlich kostenintensiver Porsche 911 oder ein Supersportler mit ähnlich spektakulärem Design bietet noch höhere Kurvengeschwindigkeiten, ohne direkten Umstieg von einem Vertreter der alten Schule in den i8 wird man an dessen Steuer aber kaum jemals etwas vermissen.

Treibt man den Plug-in Hybrid-Sportler ans Limit, sorgt die hecklastige Kraftverteilung des Allradantriebs für hohe Fahrstabilität. Der tiefe Schwerpunkt und das straffe, aber selbst auf amerikanischen Straßen niemals übertrieben holprige Fahrwerk vermitteln jede Menge Vertrauen und machen das Erkunden des Grenzbereichs zu einer schweißfreien Angelegenheit.

Der BMW i8 reagiert dabei niemals zickig, kündigt das Limit lange vorher an und schiebt dann stabil über alle vier Räder nach außen – wer seine fahrdynamischen Qualitäten ernsthaft in Frage stellen möchte, sollte sich das Konzept des i8 nochmals vergegenwärtigen: Es handelt sich ausdrücklich nicht um ein Auto für die Rennstrecke, sondern um einen Sportwagen für jeden Tag. Und um im Rahmen der Straßenverkehrsordnung jede Menge Spaß zu haben, mangelt es dem BMW i8 ganz gewiss nicht an Performance – weder längs- noch querdynamisch.

Nach einem Tag am Steuer bleibt die Gewissheit, dass sich für Sportwagen im Jahr 2014 eine neue Perspektive eröffnet hat. Während anderenorts bis zum bitteren Ende um ein paar PS mehr Leistung oder die letzten Zehntelsekunden auf diversen Rennstrecken gekämpft wird, überholt der BMW i8 mit einem gänzlich neuen Ansatz. Er verkörpert weder Verzicht noch trockene Vernunft, er ist vielmehr ein absolut zeitgemäßes Statement für die Freude am Fahren ohne schlechtes Gewissen. Dass dabei mancher konventionell angetriebene Sportwagen in einigen wenigen Extremsituationen einen Tick schneller ist, dürfte i8-Fahrer höchstens ein müdes Lächeln kosten.

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