Nach etwas mehr als zwei Jahren im Praxis-Einsatz zieht BMW dem Personal Pilot L3 für hochautomatisiertes Fahren gemäß Level 3 offenbar den Stecker: Wie die Automobilwoche berichtet und uns aus München bestätigt wurde, entfällt das Angebot des bisher leistungsstärksten Assistenzsystems der BMW Group mit dem BMW 7er Facelift 2026 (G70 LCI). Hintergrund der Entscheidung ist die offensichtliche Diskrepanz zwischen tatsächlichem Kundennutzen und dem dafür zu zahlenden Aufpreis: Zuletzt lag der Listenpreis für die Sonderausstattung bei 6.000 Euro, obwohl die tatsächlichen Nutzungsszenarien ziemlich überschaubar waren.
Mit dem BMW Personal Pilot L3 wurde der Fahrer offiziell von der Fahraufgabe entbunden, denn der 7er übernahm neben der Steuerung auch die Verantwortung für das Fahren. Allerdings war der L3-Modus nur auf wenigen freigegebenen Autobahnen, nur in Deutschland und auch nur bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h verfügbar, sodass sich seine Vorteile in der Praxis auf Szenarien mit Stau und zähfließendem Verkehr beschränkten. Für den Alltag spielt der Autobahnpilot gemäß SAE-Level 2 beziehungsweise 2+, wie er auch im 5er und vielen anderen Baureihen verfügbar ist, schon aufgrund des mit bis zu 130 km/h viel breiteren Geschwindigkeits-Fensters eine wesentlich größere Rolle. Zuletzt wurde das System DCAS-lizenziert (UN-Regelung Nr. 171) und ist daher in Fahrzeugen wie dem BMW iX3 auch außerhalb Deutschlands verfügbar:
Dass die Relevanz der aktuellen Level 2-Systeme größer ist als die stark eingeschränkten Systeme gemäß Level 3, hatte auch der ADAC in einem Vergleichstest zwischen BMW und Mercedes S-Klasse festgestellt. Vielleicht auch deshalb kommt es dazu, dass die aktuellen Level-3-Angebote der Luxusklasse gerade wieder vom Markt verschwinden: Noch vor dem BMW 7er Facelift 2026 wurde auch in Stuttgart der entsprechende Stecker gezogen, denn beim Mercedes S-Klasse Facelift 2026 verzichten auch die Schwaben auf das weitere Angebot ihres Level-3-Systems.
Eine interne BMW-Statistik bestätigt die große Nutzungsquote der Level-2-Systeme zusätzlich: Die Kunden haben in den dafür freigegebenen Märkten Deutschland, USA und Kanada bereits über 160 Millionen Kilometer mit aktiviertem Autobahnassistent (bzw. Highway Assistant) zurückgelegt, ohne die Hände am Lenkrad zu haben. Zwar müssen sie dabei jederzeit zur Übernahme der Fahraufgabe bereit sein, im Regelfall ist ein solcher manueller Eingriff aber nur relativ selten erforderlich.
Schon jetzt beherrschen die aktuellsten BMW Level-2-Systeme an Bord der Neuen Klasse die Übernahme von Autobahn-Auffahrt-bis-Abfahrt (“Entry-to-Exit“) inklusive Spurwechseln sowie das assistierte Anhalten und Wiederanfahren an roten Ampeln im Stadtverkehr. Bis Ende 2026 kommen automatisierte Abbiegevorgänge, Kreisverkehr-Durchfahrten und automatisierte Spurwechsel bei aktiver Navigation hinzu, sodass die Assistenten zu einem “Address-to-Address“-Erlebnis mit fortwährender Unterstützung beitragen.
Die Entwicklung von noch leistungsfähigeren Assistenzsystemen gemäß der SAE-Level 3 und 4 wird durch die aktuelle Entscheidung nicht eingebremst: Auch wenn das Kosten-Nutzen-Verhältnis momentan nicht zu passen scheint, wird das hochautomatisierte oder “autonome” Fahren in Zukunft auf jeden Fall eine Rolle spielen. Dass die Kosten für Sensorik und Rechentechnik ebenso wie die Betriebskosten nach dem Verkauf mittelfristig sinken werden, scheint jedenfalls sicher. So werden mit der Zeit nicht nur die Nutzungsszenarien umfassender, sondern auch das Preis-Leistungs-Verhältnis wesentlich attraktiver.

