BMW-Chef Zipse: Radikale Schritte für mehr Nachhaltigkeit

News | 1.07.2020 von 1

In einem offiziellen Interview kündigt BMW-Chef Oliver Zipse radikale Schritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz an. Schon heute liegt die BMW Group …

In einem offiziellen Interview kündigt BMW-Chef Oliver Zipse radikale Schritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz an. Schon heute liegt die BMW Group bei den CO2-Emissionen je gebautem Fahrzeug weit unter den Werten der Wettbewerber, aber im Status Quo sieht Oliver Zipse offenbar kaum mehr als den Grundstein für weitere Verbesserungen. Wichtig ist Zipse offenbar, dass sein Unternehmen bei der Nachhaltigkeit nicht auf einzelne Schaufenster-Projekte setzt, sondern einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt und so einen wirklich spürbaren Beitrag zum Umweltschutz leistet.

Unter ganzheitlich gedachter Nachhaltigkeit versteht Oliver Zipse offenbar auch Themen, die auf den ersten Blick über den Verantwortungsbereich der BMW Group hinausgehen. Hierzu zählen bei einer vollständigen Betrachtung bereits die Umstände der Rohstoff-Gewinnung, aber auch die Umstände der Arbeit bei den Zulieferern und deren Lieferanten. Außerdem muss berücksichtigt werden, was während und nach der Nutzungsdauer mit einem Auto geschieht – angefangen vom effizienten Umgang mit Kraftstoff und anderen Verbrauchsmitteln bis hin zum Recycling.

Auch bei Elektroautos und Plug-in-Hybriden spielen Faktoren wie die Herstellung und Entsorgung der Batterien eine wesentliche Rolle für die Beurteilung der Umweltverträglichkeit. Die BMW Group will ihre Zulieferer deshalb dazu verpflichten, bei der Produktion von Batteriezellen der fünften Generation ausschließlich auf Grünstrom zu setzen. BMW selbst hat bereits vor einiger Zeit angekündigt, in all seinen Werken noch 2020 auf 100 Prozent Ökostrom zu setzen und damit die eigenen Hausaufgaben erledigt. Nun wird dieser Ansatz allem Anschein nach auf die Zulieferer des Unternehmens ausgeweitet.

Zipse betont außerdem, dass die BMW Group die CO2-Flottenziele der EU wie geplant erfüllen wird. Damit vermeiden die Münchner nicht nur exorbitante Strafzahlungen, sie meistern auch eine noch vor wenigen Jahren für beinahe unerfüllbar gehaltene Herausforderung. Lagen die durchschnittlichen CO2-Emissionen der europäischen BMW-Flotte noch zu Beginn des Jahrtausends bei rund 200 Gramm, soll der Schnitt im Jahr 2020 auf kaum mehr als 100 Gramm sinken.

Das komplette Interview mit dem Vorsitzenden des Vorstands liest sich wie folgt:

Herr Zipse, seit Ihrem ersten Auftritt als BMW-Chef auf der IAA betonen Sie die Bedeutung von Klima- und Umweltschutz. Nun sind Sie bald ein Jahr im Amt und die Welt steckt in einer nie dagewesenen Krise. Wieviel Raum für Nachhaltigkeit bleibt da?
Die Corona-Pandemie hat die Weltwirtschaft binnen kürzester Zeit aus der Bahn geworfen. Das führt natürlich auch bei der BMW Group zu deutlichen Einschnitten bei einer Reihe von Projekten. Ich habe aber immer klargestellt: Bei Nachhaltigkeit, beim Klima- und Umweltschutz wird es keine Abstriche geben. Das Thema ist entscheidend für die Zukunft unserer Gesellschaft. Deswegen müssen wir gerade in herausfordernden Zeiten die richtigen Weichen stellen – und werden die Schlagzahl sogar nochmal erhöhen.

Was bedeutet das konkret?
Die BMW Group hatte sich für 2020 Ziele zur Reduzierung der Emissionen gesetzt. Dabei ging es um den Ressourcenverbrauch und die Emissionen, die wir als Unternehmen direkt verursachen – etwa in der Produktion. Und damit waren wir sehr erfolgreich: Den Energieverbrauch je produziertem Fahrzeug haben wir um über 40 Prozent gesenkt, Abfall und CO2-Emissionen konnten wir sogar um über 70 Prozent reduzieren. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass wir etwa bei den CO2-Emissionen je produziertem Fahrzeug deutlich unter den Werten der übrigen deutschen Autoindustrie liegen. Kurzum: Wir hatten fast alle Ziele schon vergangenes Jahr erfüllt. Deswegen konnten wir frühzeitig damit beginnen, für die Zukunft eine völlig neue Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln.

Und die sieht wie aus?
Ich möchte heute noch nicht alle Details verraten bevor die letzten formalen Beschlüsse gefasst sind. Aber so viel kann ich schon sagen: Der Ansatz ist radikal in seiner Ganzheitlichkeit und wir heben das Thema Nachhaltigkeit damit auf eine völlig neue Ebene. Was gleich bleibt ist unser Anspruch: Uns geht es um eine nachvollziehbare Wirksamkeit. Deswegen werden wir uns wieder klare und messbare Ziele setzen – aber die werden dieses Mal weit über unseren direkten Einflussbereich hinausgehen.

Ein konkretes Beispiel müssen Sie uns aber geben.
Für einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz müssen wir die gesamthafte Ökobilanz unserer Produkte verbessern – von den Ressourcen bis zum Recycling. Je stärker sich etwa die E-Mobilität durchsetzt, desto mehr wird sich bei der CO2-Reduzierung der Fokus auf die vorgelagerte Wertschöpfung verschieben – gerade auf die energieintensive Herstellung der Hochvoltspeicher. Bei einem vollelektrischen Fahrzeug entfallen bis zu 40 Prozent der CO2-Emissionen allein auf die Herstellung der Batteriezellen. Und je nach Produktionsstandort und dortigem Strom-Mix wird rund ein Drittel davon durch Stromverbrauch direkt beim Zellhersteller verursacht. Das ist also ein beträchtlicher und wirksamer Hebel für die CO2-Reduzierung und genau dort setzen wir an.

Wie soll das funktionieren? Die BMW Group stellt selber keine Zellen her.
Als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit hat unser Wort auch bei den Lieferanten für Batteriezellen großes Gewicht – und diesen Ruf nutzen wir. Wir haben jetzt mit unseren Zellherstellern vertraglich vereinbart, dass sie bei der Produktion unserer fünften Generation von Batteriezellen nur noch Grünstrom verwenden. Diese Technologie bringen wir ab diesem Jahr mit dem BMW iX3 auf die Straße und rollen sie dann über unsere Produktpalette aus – nächstes Jahr kommen etwa der BMW iNEXT und der BMW i4. Bei dem steigenden Volumen wird der Einsatz von Grünstrom dafür sorgen, innerhalb der nächsten zehn Jahre rund 10 Millionen Tonnen CO2 einzusparen. Zum Vergleich: Das ist etwa die Menge an CO2, die eine Millionen-Stadt wie München pro Jahr emittiert.

Das heißt, CO2 -Reduzierung funktioniert nur noch über die Zulieferer?
Es funktioniert im Zusammenspiel von Hersteller und Zulieferer. Wir können unsere Partner zu solchen Schritten nur bewegen, wenn wir selber weiterhin als Vorbild vorangehen. Das werden wir mit unserer neuen Strategie sehr klar tun. Und unsere Erfolge im Hier und Jetzt unterstreichen, wie wichtig uns das Thema ist: Neben der deutlichen Reduzierung beim Ressourcenverbrauch und den Emissionen sind wir voll auf Kurs, unsere CO2-Flottenziele in der EU zu erfüllen. Und wir werden dieses Jahr erstmals an allen von der BMW Group betriebenen Werken und Standorten sowie in unserem Joint Venture BBA in China ausschließlich Strom aus regenerativen Energiequellen beziehen. Unsere Partner wissen: Wir belassen es nicht bei Ankündigungen für die ferne Zukunft. Wir liefern und werden das weiterhin tun.

Wie kann auch die Öffentlichkeit nachprüfen, dass Sie weiterhin liefern?
Das ging bisher schon über unseren Nachhaltigkeitsbericht – und auch hier machen wir den nächsten Schritt: Ab kommendem Jahr integrieren wir das Thema Nachhaltigkeit in unseren jährlichen Geschäftsbericht. Das ist nicht nur ein klares Zeichen dafür, dass Geschäftsmodell und Nachhaltigkeit bei uns nicht zu trennen sind – damit stellen wir uns außerdem noch umfassender als bisher der externen und unabhängigen Prüfung unserer Nachhaltigkeitsaktivitäten.

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