Die China-Kracher: Wie BMW die Chinesen für sich gewonnen hat

News | 2.05.2017 von 6

Vor 20 Jahren war der Automarkt China für BMW ohne jede Bedeutung, heute ist er die unumstrittene Nummer 1. Wie war diese enorme Entwicklung möglich?

Wenn vor 20 Jahren vom Automarkt China die Rede war, ging es meist eher um mögliche Entwicklungen als den überschaubaren status quo. Zur Erinnerung: Noch im Jahr 1997 verzichtete die BMW Group in ihrem offiziellen Geschäftsbericht auf eine exakte Angabe der Verkaufszahlen in China, schließlich spielte die Musik damals noch ganz woanders! 675.000 BMW wurden weltweit verkauft, davon 228.100 in Deutschland und 122.500 in den USA. Weitere Märkte im sechsstelligen Bereich? Fehlanzeige! Großbritannien, Japan und Italien komplettierten mit 63.700, 36.500 und 35.200 verkauften BMW die Top-5 der Einzelmärkte.

20 Jahre später haben sich nicht nur die absoluten Zahlen grundlegend geändert, auch der 1997 noch unbedeutende Automobilmarkt China ist längst zum Eckpfeiler des Erfolgs geworden. Allein im März 2017 wurden in China mehr als 50.000 BMW verkauft, für das erste Quartal kommt das Reich der Mitte auf 142.828 Einheiten. Damit liegen die Händler auf Kurs, das selbstgesteckte Ziel von zehn Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr noch zu übertreffen – und damit auch die Rolle als größter und wichtigster Einzelmarkt der BMW Group noch weiter auszubauen. Schon im vergangenen Jahr wurden 21,8 Prozent aller BMW in China verkauft, bei ähnlichen Steigerungen wird es schon in absehbarer Zeit jeder vierte sein!

Automarkt China: Von der Randnotiz zur Nummer 1

Undenkbar wäre diese Entwicklung, wenn sich das Land in den letzten zwei Jahrzehnten nicht grundlegend verändert hätte. Allein zwischen 2000 und 2016 hat sich das Brutto-Inlandsprodukt Chinas praktisch verzehnfacht. Ohne dieses enorme Wirtschaftswachstum wären natürlich auch die Zuwächse bei Autobauern wie BMW unmöglich. Denn nur weil sich immer mehr Chinesen den Luxus eines eigenen Automobils leisten können und viele Besserverdiener dabei nicht auf Premiumprodukte von weltweit geschätzten Herstellern verzichten wollen, können Autobauer aus Deutschland so stark zulegen.

Um das enorme Potenzial optimal auszuschöpfen, passt die BMW Group ihr Angebot nirgendwo so flexibel auf die Bedürfnisse des Marktes an wie in China. Sicher, spezielle Motorisierungen und Ausstattungen gibt es auch für andere Einzelmärkte, aber exklusive Karosserievarianten für einen einzigen Markt erhält im Rest der Welt niemand. Und was einst mit der inzwischen in dritter Generation erhältlichen 5er Langversion begann, ist längst zu einem ganzen Modellportfolio angewachsen – allein die vier exklusiv in China angebotenen Modelle würden dem einen oder anderen kleineren Hersteller als gesamte Modellpalette gut zu Gesicht stehen.

Denn mit der BMW 1er Limousine, der BMW 3er Langversion und der BMW X1 Langversion gibt es noch drei weitere Modelle mit Münchner Wurzeln, die ausschließlich in China angeboten werden und ihren Teil dazu beitragen, dass BMW inzwischen auch am lange unangefochtenen China-Platzhirsch Audi vorbeiziehen konnte. Für viele Chinesen, die sich in den verstopften Metropolen lieber fahren lassen als selbst zu fahren, sind die Rücksitze der Langversionen die erste Wahl. So werden in China rund zwei Drittel aller 3er mit verlängertem Radstand verkauft. Sogar weltweit kam die nur in einem einzigen Land angebotene Langversion 2014 auf einen Anteil von 14 Prozent innerhalb der 3er-Reihe!

Am Überholvorgang von BMW gegen Audi zeigt sich allerdings auch, wie stark der Automarkt China trotz seiner Größe noch immer in Bewegung ist: Auf dem Spitzenrang liegt derzeit Mercedes, denn die Schwaben konnten in den letzten Monaten noch stärker zulegen als alle anderen Premiummarken. Die Geschichte von BMW in China ist dennoch eine Erfolgsgeschichte, denn schon heute übertreffen die Verkaufszahlen des Einzelmarkts das Niveau des weltweiten Absatzes Mitte der 90er-Jahre. Und das Erfolgsrezept ist dabei ebenso simpel wie zielsicher: Den Markt aufmerksam beobachten, den Kunden zuhören und dann genau die Autos anbieten, die wirklich gefragt sind.

Auf dieser Basis durfte die BMW Group Anfang April 2017 ein weiteres rundes Jubiläum feiern: Insgesamt wurden inzwischen über drei Millionen Premium-Fahrzeuge des Unternehmens in China verkauft. Mehr als zwei Drittel dieses Volumens entfallen auf die letzten fünf Jahre und man muss kein Prophet sein um zu ahnen, dass die nächsten großen Rekordmarken noch schneller als in der Vergangenheit fallen werden.

6 responses to “Die China-Kracher: Wie BMW die Chinesen für sich gewonnen hat”

  1. M54B25 says:

    Ein sehr schöner Beitrag, den sich auch mal die Leute im Vierzylinder durchlesen sollten. Insbesondere die Grundlagen des Erfolgsrezeptes “Und das Erfolgsrezept ist dabei ebenso simpel wie zielsicher: Den Markt
    aufmerksam beobachten, den Kunden zuhören und dann genau die Autos
    anbieten, die wirklich gefragt sind.”

    Mal etwas vereinfacht für eine Vielzahl der hier langjährig, mitlesenden User die Wunschpalette zum “Zuhören” zusammengefasst:

    – 1er mit R4 und 1xR6 Spitzenmodell und RWD bei 1250kg
    – 3er mit R6 und RWD bei max. 1400kg
    – 5er mit R6 und V8 und RWD bei 1600kg max
    – 7er mit V8 und V12 und Technik-alles-was-geht (außer Autonom Gedöns)
    – jedes Jahr ein wirklich einmaliges Sportmodell ala M3 CRT, M3 GTS, M3 GTR, M3 CSL

    – und natürlich Z3 als 1er Abkömmling, Z4 als 3er Abkömmling und ein 6er Coupe/Grand Coupe als 5er Sport/Optik-Projektil

    – Motoren natürlich Sauger und schön mit Hubraum, den der ist ja bekanntlich durch nichts zu ersetzen, Verdichterrad-getriebene Luftpumpen zählen nicht!

    Also das liebe Müncher wären die Wünsche aus Deutschland, England garantiert auch, solange es in Trumpland Schalter gibt, nehmen die auch die zuvor genannten Germany-Engeniering Specifications – aus China könnt ihr den Kühlschrank für die Rücksitzbank mit als SA aufnehmen…

    • Fagballs says:

      > Motoren natürlich Sauger und schön mit Hubraum, den der ist ja bekanntlich durch nichts zu ersetzen

      Ich habe die Tage gelesen, dass Toyota in ihrem Yaris wieder auf einen Sauger setzt, statt ewig die Motoren zu verkleinern und dann zu zwangsbeatmen. Mazda setzt seit Jahren auf nichts anderes. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung. Jetzt müssen nur noch die !realen! Abgaswerte zeigen, dass nicht alles glänzt, wo Turbo drauf steht.

      • M54B25 says:

        Ja da hast du richtig gelesen, im facegelifteten Yaris ersetz ein 1,5L R4 den bisherigen 1,3L R4 den Turbo. Das Besondere ist, dass der Motor sowohl im Normal- als auch im Atkinson (Spar-) Modus arbeiten kann, das mit einem Turbo zu kombinieren ist sehr heikel und im Kleinwagensegment nicht förderlich. Der Sauger hat zwar eine gute Leistungsausbeute aber leider wenig Drehmoment, das dürfte zwar bei Kleinwagen nicht ganz so schlimm sein, aber bei schwereren Mittelklassenwagen schon hinderlich fürs Fortkommen.

        Sonst wird der neue WLTP Verbrauchstest schon zeigen, das die jetzige Downsizing-Richtung nicht die Lösung war. Und Turbo-Direkteinspritzer bedeutet auch Feinstaub, was beim Sauger nicht so auftritt.

        Vielleicht kommt ja doch noch mal ein 2.0L R6 im neuen FWD 1er querein gebaut 😉

        • Fagballs says:

          Meiner ganz trivialen Meinung nach kommt Kraft von Kraftstoff. Klar, man kann den Wirkungsgrad der Maschinen verbessern, aber am Ende glaube ich, dass ein hochentwickelter 6-Zylinder für 250 PS genau so viel Sprit verbraucht wie 4-Zylinder für 250 PS.

          Ein “Test” bei Top Gear hat ähnliches gezeigt: Da war der M3 mit V8 einen Dash sparsamer als ein Prius. Der Prius ist mit Vollgas über die Strecke geheizt, der M3 gemütlich hinterher.

          • M54B25 says:

            Ja den Vergleich kenne ich und der erklärt sich dadurch, dass der Prius bei den Vollgas-Runden Sprit für die Kühlung des Motors verbrennen muss und der M3 in einem sehr guten Wirkungsgrad (mittleren Drehzahlbereich) fährt, bei dem er nur einen geringen Anteil seiner Kraftreserven benötigt. Und es heißt ja nicht umsonst: Turbo läuft – Turbo säuft – aus genau diesem Grunde der zusätzlichen Kühlung, um dem Klopgen und damit einer Motorschädigung zuvor zu kommen. So ein guter Hubraumstarker Sauger nimmt bei Vollast zwar auch mehr Kraftstoff aber immernoch weniger als ein gleich starker Turbo – da hast Du mit Deiner Aussage physikalisch absolut Recht.

            Der neue 1,5L Toyota Motor hat aber hauptsächlich auch das Thema Partikel auf dem Pflichtenheft gehabt. Da wird es sicherlich die nächste Kundenverar*che geben, wenn die Euro6 Benziner demnächst auch als Partikelferkel nicht mehr in die Städte dürfen.

  2. Fagballs says:

    Der Riese erwacht.
    In China lebt weit über eine Milliarde Menschen, mehr als in den USA und der EU zusammen, und immer mehr von ihnen können sich unseren westlichen Standard leisten. Das kann man nicht nur an den Verkaufszahlen für Autos ablesen. Auch Kinofilme sind ein Indikator: Aktuell hat der Fate of the Furious gut ein Drittel seines weltweiten Einspielergebnis in China generiert. Scheitert ein Blockbuster in China, erreicht er evtl gesteckte weltweite Ziele nicht (The Force Awakens war so ein Fall). Jahrelang haben wir unser Geld nach China geschickt, jetzt will es ausgegeben werden. Daran macht mir am meisten Sorgen der Energie-Hunger, der damit einher geht. Selbst wenn sie es schaffen sollten, auf erneuerbare Energie zu schwenken, geht das nicht spurlos an der Natur vorbei. Dafür sind es einfach zu viele Menschen dort.

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